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Humboldt-Universität zu Berlin - Humboldt-ProMINT-Kolleg

Kindliche Konzeptionen von Computern

Computer sind wohl die viefältigsten und mächtigsten Datenverarbeitungssysteme, die uns heutzutage zur Verfügung stehen. Unsere moderne Gesellschaft, Wissenschaft und Bildung wurden drastisch durch diese Technologie verändert. Kinder sind heutzutage umgeben von Computern. Es ist geradezu schwierig, überhaupt noch elektronische Geräte zu finden, die keine Computer sind. Diese Situation wird oft als Motivation dazu genommen, informatische Inhalte in die Curricula der Sekundar- oder sogar Primarstufen einzuführen. Es ist schlicht eine unhaltbare Situation, so das Argument, dass Kinder diese Geräte und ihre verschiedenen Anwendungen täglich nutzen, ohne eine Vorstellung darüber, wie sie funktionieren. Tatsächlich haben sie jedoch solche Vorstellungen. In der Dadaktik der Naturwissenschaften existiert schon lange ein Interesse für die alternativen oder “naiven” Konzeptionen von Kindern zu verschiedenen wissenschaftlichen Konzepten. Kinder
werfen und schieben im Alltag Objekte umher, beobachten lebende Tiere und tote Artefakte, und entwickeln daraufhin Vorstellungen darüber, wie Schieben funktioniert und was es bedeutet lebendig zu sein. Für Computer ist die Situation heute sehr ähnlich. Kinder interagieren täglich mit ihnen und fangen daraufhin an, Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie sie funktionieren und was sie können.
Angesichts dieser Situation ist es ein wenig verwunderlich, dass sich die Informatikdidaktik bislang kaum für die Alltagsvorstellungen von Kindern über Computer interessiert. Stattdessen fokussiert sich die Forschung haupsächlich auf Fehlvorstellungen zu algorithmischen Konzepten wie Nebenläufigkeit, Schleifen oder Datenstrukturen. Sorva (2013) liefert ein Review über Fehlvorstellungen in der Programmierung und streift dabei auch die Frage nach Vorstellungen zum eigentlichen Hardwaresystem, das den Code ausführt. Im Hinblick auf die rapide Weiterentwicklung von Computertechnik stellt eine Untersuchung von Konzeptionen zu Computern tatsächlich eine nennenswerte Herausforderung dar. Die Art und Weise, in der wir heutzutage mit Computern interagieren, hat nahezu nichts mehr gemeinsam mit denen von vor 60, 40 oder sogar 20 Jahren. Somit ist es sehr schwer, verlässliche Ergebnisse zu erzielen, die nicht jedes Mal, wenn ein neues Hardwaresystem auf den Markt kommt, obsolet werden. Ferner muss auf Basis aktueller Ergebnisse der Kognitions- und Konzeptforschung (Mortimer 1995; Weiskopf 2009) angenommen werden, dass ein Kind nicht nur eine sondern mehrere kontextsensitive Konzeptionen zu Computern besitzt, die je nach Situation aktiviert werden können oder auch nicht. Entsprechende Forschung verlangt somit eine ebenso kontextsensitive Methodologie.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass eine weitere Forschung zu kindlichen Konzeptionen über Computer zunächst erfordert, dass eine valide Forschungsmethodologie entwickelt wird, die aktuelle Ergebnisse der Kognitions- und Konzeptforschung berücksichtigt und sich auf eine solide theoretische Basis stützt, die verhindert, dass entsprechende Ergebnisse quasi sofort wieder veralten. Die Entwicklung einer solchen Methodologie und theoretischen Basis ist ein Kernanliegen meines Dissertationsprojektes.
Es gibt inzwischen kaum noch ein Schulfach, das nicht versucht, Computertechnik in die eigene Unterrichtspraxis zu integrieren. Zu verstehen, welche Vorstellungen Kinder über Computer haben, welche Geräte sie überhaupt als Computer wahrnehmen und welche Einflüsse diese Konzeptionen auf nachfolgende Lernprozesse haben, kann somit in mehreren Fächern einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung fundierter Unterrichtspraktiken leisten. Dies erfordert jedoch, dass wir zunächst einige grundlegendere Fragen klären.